Wenn die Tage länger werden, beginnt auf Rügen die Hochsaison für den Wassersport. Segelboote füllen die Häfen von Lauterbach, Breege und Sassnitz, Charteryachten liegen dicht an dicht, und auf den Boddengewässern sind Kanus, SUPs und kleine Motorboote unterwegs. Urlauber und Einheimische genießen die Freiheit auf dem Wasser – doch diese Freiheit hat ihre Tücken.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Allein in Deutschland sind im Jahr 2024 nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) 411 Menschen ertrunken, 31 mehr als im Vorjahr. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) musste an Nord- und Ostsee in hunderten Fällen ausrücken, um Menschen aus Seenot zu retten – darunter nicht nur Berufsschiffer, sondern auch viele Freizeitsportler.
Typische Gefahren an der Ostseeküste
Die Ostsee gilt oft als „freundlicher“ als die Nordsee – weil es keine Gezeiten gibt und das Wasser weniger salzig ist. Doch das ist trügerisch. Wer in den Boddengewässern segelt, kennt die unsichtbaren Strömungen, die Boote abtreiben oder Paddler überfordern können. Auf offener See wiederum können Wetterumschwünge binnen Minuten eintreten. Ein sonniger Vormittag schlägt plötzlich in Böen und Schaumkronen um – für unerfahrene Crews eine große Herausforderung.
Besonders in touristischen Hotspots wie dem Wannsee-Becken vor Hiddensee oder den Fahrwassern vor Sellin wird die Dichte zum Problem. Hier kreuzen Segelboote, Charteryachten, Fahrgastschiffe und Sportangler auf engem Raum. Fehler bei der Kommunikation oder spontane Kurswechsel können schnell zu riskanten Situationen führen. Die DGzRS warnt regelmäßig davor, die Übersicht zu verlieren – gerade, wenn Freizeitkapitäne ohne Ortskenntnis unterwegs sind.
Menschliche Faktoren: Warum Technik nicht reicht
Die meisten Boote sind heute mit moderner Technik ausgerüstet: GPS, Funkgeräte, elektronische Karten. Doch selbst die beste Ausrüstung schützt nicht vor falschen Entscheidungen. In den Jahresberichten der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) zeigt sich immer wieder, dass menschliche Faktoren dominieren: falsche Navigationsentscheidungen, unzureichende Vorbereitung, Leichtsinn oder Übermüdung.
Ein besonderes Risiko ist Selbstüberschätzung. Erfahrene Skipper neigen mitunter dazu, Gefahren zu unterschätzen – Routine ersetzt die kritische Aufmerksamkeit. Umgekehrt gehen Einsteiger oft unvorbereitet aufs Wasser, weil sie die Bedingungen falsch einschätzen. Alkohol verschärft die Lage zusätzlich. Auch auf Rügen meldet die Polizei immer wieder Unfälle, bei denen der Steuermann unter Einfluss stand.
Erkenntnisse aus Untersuchungen im Freizeitbootbereich
Dass Menschen die Hauptrolle bei Unfällen spielen, belegt auch eine Eine aktuelle Studie zum Thema Sicherheit auf dem Wasser im Freizeit- und Sportbootbereich. Befragt wurden mehrere Hundert Bootsführerscheinanwärter und erfahrene Skipper. Dabei zeigte sich:
- Zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung liegt eine Lücke. 83 Prozent vertrauen auf ihr eigenes Urteilsvermögen, aber weniger als die Hälfte glaubt, dass andere ebenso umsichtig handeln.
- Wissen wird nicht immer angewandt. Etwa 90 Prozent der Teilnehmenden betonen, wie unverzichtbar Rettungswesten sind. Doch nur etwa die Hälfte prüft ihre Ausrüstung tatsächlich regelmäßig vor jeder Fahrt.
- Psychologische Kompetenzen fehlen oft. Kommunikation an Bord oder Entscheidungen unter Stress werden zwar als wichtig erkannt, sind in der Ausbildung bislang aber kaum verankert.
Die Ergebnisse zeigen, dass Sicherheitslücken nicht allein durch Technik geschlossen werden können. Gefordert sind praxisnahe Übungen, in denen Ernstfälle realistisch durchgespielt werden – vom Mann-über-Bord-Manöver bis zur Notruf-Simulation.
Was sich ändern muss
Die klassischen Bootsführerscheine vermitteln vor allem theoretisches Wissen und Grundfertigkeiten. Das ist unverzichtbar – reicht aber nicht immer für die Praxis. Viele Teilnehmende wünschen sich realitätsnahe Szenarien und regelmäßige Auffrischungen. Fachleute schlagen verpflichtende Wiederholungen alle fünf Jahre vor, ähnlich wie im Straßenverkehr Erste-Hilfe-Kurse erneuert werden.
Zudem hat sich gezeigt, dass hybride Ausbildungsmodelle besonders geeignet sind. Sie kombinieren Online-Lernmodule mit praktischen Trainingseinheiten auf dem Wasser. So bleibt die Ausbildung flexibel und gleichzeitig einheitlich, unabhängig davon, ob man sie in Hamburg, Stralsund oder auf Rügen absolviert. Das erleichtert nicht nur den Zugang, sondern sorgt auch dafür, dass Wissen auf einem gleichbleibend hohen Standard bleibt.
Sicher in die nächste Saison
Rügen und die Ostsee bieten unzählige Möglichkeiten, den Sommer vom Wasser aus zu erleben – vom Segeltörn über die Boddenfahrt bis zum entspannten Paddelausflug. Doch die Freude bleibt nur dann ungetrübt, wenn Sicherheit ernst genommen wird.
Die Erfahrungen der Rettungsdienste und die Ergebnisse aktueller Untersuchungen machen deutlich: Es sind nicht nur technische Defekte, sondern meist menschliche Fehler, die Unfälle verursachen. Selbstüberschätzung, fehlende Vorbereitung oder mangelnde Aufmerksamkeit sind die unsichtbaren Begleiter vieler Ausflüge.
Wer Risiken realistisch einschätzt, Rettungswesten konsequent nutzt und sich regelmäßig fortbildet, senkt die Gefahr erheblich – für sich und für andere. Damit bleibt das, was alle an der Ostsee suchen, erhalten: die Freiheit auf dem Wasser, ohne böse Überraschungen.
(C) Titelbild KatFulcher auf Pixabay







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